Hochzeiten und Schokoladenseiten
Hochzeiten waren meine Komfortzone.
Immerhin habe ich über zehn Jahre in dem Bereich gearbeitet. Eine alte Version von mir - Paula Tsukino - Makeup & Hair - lebt auf unzähligen Getting-Ready-Fotos ehemaliger Braut-Kundinnen für immer weiter. Mit mir stand und fiel, wie eine Frau einen der erinnerungswürdigsten Tage ihres Lebens begann und mit welchem Gefühl sie sich durch diesen tragen würde. Ein schönes Styling macht einfach etwas mit einem - oder genauer gesagt, ein Styling, mit dem man sich schön fühlt, denn eins führt nicht unbedingt zum Anderen.
Mit großer Kraft kommt große Verantwortung.
Ich liebte meine Arbeit und die Verantwortung, die damit einher ging, denn ich konnte sie tragen. Jetzt stelle ich fest: ich trug sie bereits, bevor ich wusste, dass ich dafür geschaffen war - ich war in sie hinein gewachsen. Und irgendwann wuchs ich über sie hinaus, denn ich wollte mehr! Da begann die Identitätskrise. Wie kann ich mehr Impact haben? Was ist meine Bestimmung? Und kann, will ich mich mit meinem scheinbar oberflächlichen Beruf überhaupt noch identifizieren? Gingen mir die ganzen Millionen Makeup-Influencer nicht auch übelst auf den Keks? Keine Ahnung, keine Ahnung, keine Ahnung und ja. Eins wusste ich aber: Ich liebte es, mit diesen wunderschönen Wesen zu arbeiten - Frauen. Jede von euch ist so unterschiedlich, jede hat ihre ganz eigene Schönheit, und meine Faszination dafür bleibt endlos.
Aber die Makeup Schule lehrte mich, “Fehler” in einem Gesicht zu sehen, zu korrigieren, zu kaschieren. Makeup schien ein Geheimversteck der Einzigartigkeit zu sein, hinter dem sie bloß niemand suchen sollte. Und das wurde allem Anschein nach von der breiten Allgemeinheit weitestgehend als richtig eingestuft. Zumindest in den Weiten des Internetzes.
Dein Gesicht ist ein Gedicht.
Dann passierten unvorhersehbare Dinge. Persönliche Prozesse wurden in Gang gesetzt, die meinen Blick auf Schönheit sehr veränderten. Die Antwort auf die Frage, was Schönheit bedeutete, wandelte sich für mich: von einer fremdfabrizierten Illusion von Perfektion hin zu einer verkörperten Akzeptanz und Anerkennung des eigenen Wesens. Dieser Wandel beeinflusste meinen “oberflächlichen” Beruf und ich verstehe jetzt, dass das, was auch immer ich tue, genau so oberflächlich ist, wie ich es bin, oder eben auch nicht. Das, was meinem Wirken Tiefe gibt, bin ich.
Meine Arbeit wurde immer “natürlicher”, der Fokus verschob sich vom Kaschieren und Korrigieren hin zum Hervorheben von Lieblingsstellen (wie Lieblingszeilen in einem Gedicht zu markieren), einem sanften in den Hintergrund Rücken weniger geliebter Bereiche und dem Erschaffen einer harmonischen Balance, mit der sie sich wohl, schön und nicht fremd fühlt. Mir wurde immer wichtiger, Unsicherheiten mit den richtigen Worten aufzufangen und einen Raum der Ruhe vor dem Sturm zu schaffen.
Die Sinnhaftigkeit dessen, mich selbst zu schminken, wurde schließlich zu Beginn der Ereignisse von 2020 und der damit einhergehenden Isolationsphase in Frage gestellt. Schminken wurde in der Casa Paula eingestellt, und meine ungeschminkte Wahrheit sah in meiner Wahrnehmung mit jedem Tag normaler aus. Meine Haut dankte mir vielleicht, dass ich sie endlich mal länger als 6 Stunden am Stück frei atmen ließ. Und da ich zur gleichen Zeit begann, mir selbst Pflege-Öle anzumischen, die meiner Haut das gaben, was sie wirklich brauchte - veränderte sie sich merklich. Das ernsthafte Interesse, das ich ihr entgegenbrachte, schien sie zu belohnen.
Haut spricht (Ich sage “Spaghetti-Eis!!”, sie sagt “Pickel!!”)
Ich bin immernoch davon überzeugt, dass Leute, die sagen, dass du ungeschminkt krank aussiehst, einfach keine ungeschminkten Visagen mehr gewohnt sind. Gewöhnen wir sie doch einfach dran, und uns gleich mit. Und drehen an ein paar Schrauben in unserer Hautpflegeroutine. In unserer Ernährung. In unserer Selbstliebe. In unserem Leben. Wirklich nur zwei- bis dreihundert Schrauben - dann leuchtet die Haut auch ohne Krücken. Hahah!
Spaß beiseite - unsere Haut spricht. Und wenn sich das, was sie sagt, wie eine Beschwerde anhört, lohnt es sich, den Blick auf sich selbst zu lenken und zu forschen. Natürlich ist gegen Schminken per se nichts einzuwenden - es kann ein ganz wunderbares, erhebendes Ritual sein, und hat auch seinen Platz in der Fotografie und als Kunstform. Nur wenn es ohne “nicht geht”, werde ich neugierig. Das Strahlen einer Frau, die sich vollständig fühlt, ist spürbar anders als das einer Frau, die sich nur hinter Masken sicher fühlt.
“Vollständig” ist natürlich immer nur die Momentaufnahme eines laufenden Prozesses - es geht viel um den Mut dazu, sich auf die Reise zu dir selbst zu begeben; zu jedem Teil von dir. Und dieser Mut macht schön. Dieser Mut macht auch anderen Mut. Apropos: ich war, vor Beginn unserer Weltreise, mal zu Gast in Nadjas Podcast “Mut an der Hand”.
Ich persönlich glaube, dass dein ganzes Leben eine kontinuierliche Reise zu dir selbst ist, und dass du den Rückenwind spürst, wenn du dich ihr hingibst. Sie will in aller Form von dir gelebt werden, diese Reise.
Ich liebe meine Schokoladenseite, aber Vanille ist auch lecker.
Das sage ich heute gerne, und dieser Satz steht symbolisch für die friedliche Akzeptanz von allem, was da ist. Ohne Widerstände. Ohne den Fluchtinstinkt hin zur Maske. Ich muss nicht alles an mir lauthals feiern. Aber allem, was da ist - allem, was ich bin - die bedingungslose Erlaubnis zu geben, mit mir zu existieren - das bringt mir einen Frieden, auf den ich nicht warten muss, weil ihn mir niemand anders geben muss außer mir. Eine Erlaubnis, die die Augen vor nichts verschließt. Die hinsieht, und der Vanilleseite ein würdevolles Lächeln schenkt, wenn eine ehrliche Umarmung noch nicht möglich ist. Das ist jedenfalls das Bild dazu, das ich gerade im Kopf habe.
Fühlst du, was ich meine?